Jost Kobusch

Freiheit durch Verzicht

Ich sage oft, dass die Berge mein Spielplatz sind, aber ich vergesse dabei nie, dass sie so viel größer und stärker sind als ich. Auch wenn der Mensch zwischenzeitlich versucht dieses Machtgefälle umzudrehen, indem Bohrhaken angebracht, Leitern mit auf den Berg geschleppt werden oder mit viel Materialeinsatz noch der steilste Überhang durchstiegen wird. Die Natur kann man nicht besiegen, oder etwa doch?

Seit Jahrzehnten werden die Heiligtümer der Natur übersät mit Bierdosen, Scheißhaufen und Schlaghaken. Mich wundert es schon gar nicht mehr wenn sich vor mir mal ein Hollywoodreifes Junkie Spritzenset aus dem Eis herausschmilzt. Wo ist denn die Wildnis? Das Abenteuer? Müssen wir uns in Zukunft daran gewöhnen?

Ich will mich nicht damit abfinden! Die Reine Wildnis ist für mich ein endloser Palast, der mich immer wieder aufs Neue ins Staunen bringt. All die Hilfsmittel trennen mich von der unmittelbaren Erfahrung, deshalb mein Minimalismus. Alpinstil Solo ist das Schwerste. Die Königsdisziplin. Die Schwierigkeit reizt mich. Aber es liegt auch in meinem eigennützigen Interesse die Wildnis zu erhalten, in der ich als Mensch wachse. Und es ist eine unglaubliche Freiheit, die durch meinen Verzicht entsteht.

Durch meine Touren habe ich nahezu unberührte Wildnis gesehen, aber auch ehemals wunderschöne Orte, die massiv unter unserem Verhalten leiden. So bin ich mit dem Thema Naturschutz und Nachhaltigkeit in Verbindung gekommen. Mich ekelt es an was wir dem, was uns am Leben hält, antuen.

Ich meine, wir schmeißen auch keinen Müll bei uns ins Wohnzimmer, geschweige denn in eine Kirche, Synagoge und Moschee, oder? Das sind heilige Orte, genauso wie es auch die Berge, die Wälder, die Ozeane sind – wie es die Natur allgemein ist. Für mich ist die Natur ein Ort, an dem ich meinem innersten Selbst ausgesetzt bin. Die Berge reissen mich wie einen Sturm hinaus. In ihnen bin ich wach. In ihnen fühle ich alles. Es ist der Ort, an dem ich zur Arbeit gehe. An den ich zum Nachdenken gehe. Es ist die Umgebung in der ich mich am spirituellsten fühle. Ganz viel von meinem Umweltbewusstsein kommt erst durch das Leben in und mit den Bergen, durch die Interaktion mit den Elementen. Und deswegen kann ich mich nicht Bergsportler nennen ohne dabei Umweltschützer zu sein.

Versteht mich nicht falsch. Mit meinen Projekten, für die ich um die Welt fliege, bin ich bestimmt kein Vorbild in Sachen Nachhaltigkeit. Aber genau deswegen möchte ich mit euch in den Dialog kommen. Es ist nicht so, dass wir noch einen zweiten Planeten im Keller rumstehen haben. Deswegen denke ich, dass jeder von uns sein Leben bewusst nachhaltiger gestalten muss. Nicht nur für die kommenden Generationen. Schon jetzt sind wir an einem Punkt angekommen an dem alle Maßnahmen, die wir heute treffen, auch eigennützig sind und einen Effekt haben den wir selber spüren. Ich möchte schauen wie genau ich der Natur schade, und was ich dafür tun kann um es zukünftig besser zu machen ohne meinen Traum vom Bergsteigen aufgeben zu müssen.

Denn Nachhaltigkeit bedeutet für mich, die Bedürfnisse der Gegenwart zu befriedigen ohne die Möglichkeiten der nächsten Generationen einzuschränken.

Umweltwissenschaftler Lucian Negrut und ich haben die Zeit der Corona Pandemie genutzt um systematisch zu analysieren was ich denn überhaupt mache.
So eine Analyse beginnt nicht damit zu sagen: „ Jaja, ich bin ja pflanzenbasiert und minimalistisch unterwegs und mache deswegen schon alles gut!“. Ganz im Gegenteil. Viele Tierische Produkte wie Leder, sind biologisch abbaubar und erzeugen kein Mikroplastik.
Es beginnt damit sich einen Überblick zu verschaffen, was genau ich in meinem Privatleben und auf meinen Expeditionen alles tue, und systematisch zu analysieren.

Durch Wissen entsteht Bewusstsein und durch Bewusstsein entsteht Veränderung.

Deswegen spreche ich so viel über Nachhaltigkeit. Wir alle sind Konsumenten – das bedeutet, dass wir alle mit unseren Kaufentscheidungen das Angebot verändern können. Dabei wird sich der Preis der Nachfrage anpassen. Eigentlich ganz einfach, oder?

Aber ich kann euch sagen, das war erstmal ein schmerzhafter Prozess. Festzustellen, dass das was ich mache und liebe häufig total unnachhaltig ist. Mit dabei war immer die Angst, dass es vielleicht sogar besser ist, wenn ich zuhause bleiben würde. Aber genau darum soll es hierbei ja gehen. Wir alle haben Träume. Wir wollen alle unserem Warum folgen und das möglichst langfristig.

Und dabei geht es nicht nur um „Umwelt“ – wenn es Menschen schlecht geht, dann machen sie die Natur kaputt.

Im Kampf ums Überleben können sie es sich nicht leisten in die „Zukunft“ zu investieren. Es ist wichtig, dass unter fairen Bedingungen gearbeitet wird. Deswegen ist Soziale Nachhaltigkeit ein grosser Bestandteil meines Approaches geworden.

Ein Baustein zur Lösung für dieses Dilemma ist die Analyse mit Lucian. Basierend auf Schwachpunkten und Stärken haben wir Nachhaltigkeits- Ziele formuliert, die ich verfolgen möchte. Es gibt einige schnelle implementierbare Dinge wie das Reduzieren von Flügen jeglicher Art, oder das Sponsern von Weiterbildungsoptionen für Locals. Aber auch langfristige Ziele die ich in der Ausrüstungsentwicklung mit Brands verfolge.
Lasst uns einfach alle zusammenhalten, damit wir am Ende noch einen Planeten haben, auf dem es sich zu leben lohnt.
Wir haben das Paradies hier und das gilt es zu erhalten.

Habt ne gute Zeit in den Bergen! Hi five.

PS: JA der Helikopter ist bewusst provokativ in diesem Artikel 

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